Sieht mehr, wenn es dunkel wird.

PoE: ein Kabel für Strom und Bild

Eine Leitung für Strom und Videostream – das Versprechen stimmt. Schief geht es erst, wenn man eine kleine Bullet und eine PTZ-Kamera an denselben Port denkt.

Netzwerkschrank mit Switches und Ethernet-Kabelbündeln

Wir kennen Anlagen, die mittags tadellos laufen und um drei Uhr nachts neu starten. Das Infrarot springt an, die Kuppelheizung zieht Strom, das zu lange Cat.-6-Kabel verliert Spannung – die Kamera fällt aus, startet, fällt wieder aus. Das ist kein Optikproblem. Das ist ein PoE-Budget, das nie jemand gerechnet hat.

Alle Kameras im Vigilo-Sortiment laufen über PoE. Das heißt aber nicht „irgendein Switch, irgendeine Länge“. Klasse, Kabelweg und Midspan klären wir vor der Bestellung – nicht nach dem ersten nächtlichen Neustart.

Wie PoE funktioniert

Power over Ethernet ist simpel: Ein Kabel trägt Gleichstrom und Bild. Die Kamera ist das gespeiste Gerät (PD), der Switch oder ein Midspan die Quelle (PSE). Keine 230-V-Steckdose über der Tür, kein zweites Leerrohr nur für die Stromversorgung.

Die Falle steckt im Wort „PoE“ auf dem Karton. Ohne IEEE-Klasse, ohne Gesamtbudget des Switches und ohne die echte Länge bis zur Montagestelle ist es nur ein Etikett. Ein Port nach 802.3af Klasse 2 ist kein Port nach 802.3at. Wer beide in eine Leiste mit „8 PoE-Ports“ steckt und bis acht zählt, macht sich schon etwas vor.

Kabeleinführung unter einer Traufe, Cat.-6-Kabel und PoE-Tester
Ein Dome, eine Einführung, ein Cat.-6-Kabel. Das grüne Licht am Tester sagt nichts darüber, ob das Switch-Budget um drei Uhr nachts reicht.

Was die sechs Modelle tatsächlich brauchen

Ein Sortiment dimensioniert man nicht über Durchschnittswerte. Man startet beim Datenblatt und rechnet das dazu, was dort „typisch“ heißt und nachts überschritten wird: Infrarot, Heizung, Motoren.

  • Panoramic 5100i (innen) – IEEE 802.3af Typ 1, Klasse 2, rund 5,6–6 W. Die genügsamste Kamera im Sortiment: eine Decke, kaum Last.
  • FLEXIDOME outdoor 5100i IR – 802.3af/at, typisch 4,8–7,3 W. Mit eingeschaltetem 45-m-Infrarot Klasse 3. Unser meistverbauter Dome – darf nicht wie die 6-W-Panoramakamera behandelt werden.
  • DINION 3100i IR – 802.3af, optional 24 V DC. Das 30-m-Infrarot ist Last, kein Zubehör. 24 V ist Reserve, nicht Plan A.
  • Panoramic 5100i IR (außen) – PoE mit zoniertem Infrarot. Braucht mehr als der Innen-Zwilling, die LEDs sind hier kein Detail mehr.
  • FLEXIDOME 8100i X – PoE. Das Datenblatt nennt –50 °C, also steckt eine Heizung drin. Eine Rampe im Januar verbraucht anders als ein Labor bei 20 °C.
  • AUTODOME 5100i – PoE und 24 V AC. Motoren, 30-fach-Zoom, Kuppelheizung: höheres Budget, anspruchsvollerer Port. Klasse 2 ist das nicht.
Klasse 2: bis etwa 6,5 W an der Kamera. Klasse 3: bis etwa 13 W. Alles darüber ist PoE+ (802.3at) – das Revier von PTZ-Kameras und Heizungen. Auf einem AUTODOME-Angebot steht bei uns deshalb nie nur „PoE“.

Acht Ports sind nicht acht Kameras

Entscheidend ist nicht die Zahl der RJ45-Buchsen, sondern das gesamte PoE-Budget des Switches in Watt – und was jeder Port tatsächlich liefert. Eine Leiste mit 8 PoE-Ports und 60 W Gesamtbudget versorgt keine acht Klasse-3-Domes. Sie versorgt drei oder vier zuverlässig, den Rest nur bis zum ersten Frost.

Kann der vorhandene Switch kein PoE, setzen wir einen Midspan ein: einen dokumentierten, passend dimensionierten Injektor im Schrank. Acht einzelne Netzteile in der Zwischendecke sind keine Installation, sondern eine Altlast.

Und wir beschriften. Ein Kabel mit „POE ???“ im Schrank zeigt, dass gesteckt statt gerechnet wurde. Auch das Absichern des Streams beginnt hier: Wer weiß, welcher Port welche Kamera speist, kann sie gezielt isolieren.

Die Kabellänge – bevor es um 3 Uhr knallt

Ethernet schafft 100 m. PoE verliert auf dem Kupfer Spannung: Je länger das Kabel, desto weniger kommt an der Kamera an – besonders nachts, wenn Infrarot und Heizung gleichzeitig ziehen. Genau daher kommt der typische Nachtneustart: Tagsüber reichen 5 W, um 2 Uhr verdoppelt sich die Last, der Spannungsabfall wächst, die Kamera schaltet ab.

Wir messen den Kabelweg, setzen Cat. 6 ein und rechnen den Spannungsabfall, bevor der Switch bestellt wird. Ein Midspan nahe an der Kamera ist besser als ein 90-m-Lauf aus dem Kellerschrank. In unserer Methode stehen Schrank und Montagestelle deshalb auf demselben Plan.

Switch, Maßband und Rechner auf der Werkbank
Maßband, Switch, Taschenrechner: Das Budget zählt man in Watt und Metern, nicht in Ports.
Was wir vor Ort notieren: Standort des Schranks, PoE-Budget laut Switch-Typenschild, Länge bis zur entferntesten Kamera, innen oder außen (also eventuell Heizung). „Das Kabel war nicht so lang“ ist keine Messung.

24 V ist kein Notbehelf

Bei der DINION ist 24 V DC eine dokumentierte Reserve, bei der AUTODOME 24 V AC. Wir greifen darauf zurück, wenn die Strecke länger ist, als PoE sauber trägt, wenn in einer Halle bereits 24 V liegt oder wenn das Switch-Budget schon von anderen Geräten belegt ist.

Improvisiert wird dabei nicht: kein Netzteil ohne Typenbezeichnung, kein „12 V geht bestimmt auch“, kein No-Name-Injektor an einer PTZ-Kamera. Die 24-V-Versorgung steht im Angebot genauso konkret wie das Kameramodell.

Fazit: erst zählen, dann schrauben

Das eine Kabel bleibt die richtige Idee: weniger Leerrohre, weniger Steckdosen, ein Schrank, den man versteht. Aber Nachtbild, Aufzeichnung und die unerwarteten Szenen gibt es nur, wenn die Kamera um 3:12 Uhr nicht gerade neu startet. Wir verkaufen sechs PoE-Modelle – und dimensionieren den Port, nicht den Werbespruch.